Kolumne 23

von Matthias Kayser

Augen zu und stumm vor Glück

Nicht ganz mit diesen Worten, aber den Sachverhalt doch sehr treffend, bekomme ich es immer wieder von Männern und Frauen erzählt.

„Augen auf im Straßenverkehr!“, heißt es doch so schön! Aber was tut sich bei vielen Paaren im Bett?

Während man in der Phase des Kennenlernens und erst recht beim darauf folgenden Kleiderweitwurf die Blicke lasergleich auf das Objekt der Begierde richtet, spielt sich oftmals in der Horizontalen Merkwürdiges ab.
Da lässt man schön modern das Licht brennen, denn schließlich will mal den Partner ja sehen, aber was passiert, wenn es dann zur Sache geht?

Das Gesicht ist zwar von Erregung verzerrt, doch die Augen sind auf das Heftigste zusammengepresst. So entgeht einem nicht nur der lustvolle Blick des anderen (es sei denn, dessen Lieder sind ebenso verschlossen wie ein Schweizer Banktresor), nein – es vermindert auch die Qualität der Vereinigung, denn durch das „Nichthinschauen“ bleibt man ja für sich allein! Was soll das denn bitteschön?

Ich gestehe zu meiner Schande, dass ich das früher genauso gemacht, und mich hinterher fast immer auf nebulöse Weise unerfüllt gefühlt habe. Erst später, mit der richtigen Frau, zu der gerade auch im Bett ein bis dahin ungekanntes Vertrauen entstand, behielt ich die Augen beim Sex offen.

Unglaublich, wie dies das Fühlen und Erleben steigert! Interessant ist dabei: Das Gesicht meiner Liebsten bekam jedes Mal einen ganz anderen Ausdruck von Lust, wenn ich unten lag und sie auf mir saß.
Die Ursache dieses Phänomens ist profan, aber dennoch in diesem Zusammenhang durchaus erwünscht: Die schnöde Schwerkraft verformt Wangen und Augenpartie dergestalt, dass das Antlitz animalischer erscheint. So empfinde ich es zumindest.

Ist es da nicht genauso naheliegend, dass in derselben Weise der „Schrei des Schmetterlings“ einer Frau und das „Gut gebrüllt, Ameisenlöwe“ des Mannes bestenfalls zwar Nachbarschaftsfreundlich, in der Konsequenz aber so lustfeindlich wie ein Furz beim Cunnilingus ist?
Ich persönlich höre jedenfalls tausend Mal lieber den Liebesgesang zweier Menschen in meiner Nachbarwohnung, als dass sie lautstark streiten und sich mit anal-rhetorischen Komplimenten überziehen!

Doch was ist der Grund für geschlossene Augen und verkrampfte Stimmbänder?
Ist es immer noch durch unsere Erziehung bedingt?
Wenn ja, dann sollte es höchste Zeit sein, sich dieser künstlich errichteten Blockaden bewusst zu werden und schleunigst zu entledigen.

Oder liegt es an der gesamtgesellschaftlichen Situation, die Überbevölkerung inbegriffen?

In diesem Fall sehe ich eine Flut von Zivilprozessen auf die Gerichte einstürzen, denn vielen unserer lieben Mitmenschen scheint es nicht zu genügen, gegen bellende Hunde, gackernde Hühner und spielende Kinder zu klagen.
Aber wie in drei Teufels Namen sind diese Querulanten nur auf unsere schöne Erde gelangt?

Ich jedenfalls werde weiterhin meine Augen offen halten und mir auch nicht den Mund verbieten lassen, so oder so nicht!

Ihr Matthias Kayser