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Nachtzug
... Es passierte in einem fremden Land. Ich stieg in den Nachtzug ein, machte es mir bequem und vertiefte mich in das Buch, das ich als Reiselektüre dabei hatte, denn die Reise sollte die ganze Nacht dauern. An freien Plätzen mangelte es nicht, sie waren alle frei, der Zug schien menschenleer zu sein. „Schade, daß es niemanden gibt, mit dem man sich unterhalten könnte“, dachte ich, „gut, daß ich wenigstens das Buch gekauft und alte bequeme Klamotten (einen langen biederen Rock und ein klassisches braunes Hemd) angezogen habe“. Die Zeit verging, ich hätte auch schlafen können, aber irgendwie war ich noch nicht müde. Ich suchte meine Zigaretten und stellte dabei fest, dass ich in einem Nichtraucher-Abteil saß. Im langen Flur suchte ich nach einem Aschenbecher und zündete mir eine Zigarette an. Ich stand da und starrte ins schwarze Nichts, atmete langsam den Rauch ein. Irgend etwas beunruhigte mich, eine unerklärliche Erregung, eine Vorahnung, ich konnte es zuerst nicht lokalisieren. Ich versuchte, meinen Zustand zu ergründen.
Was fühlte ich? Ich fühlte, daß mich jemand beobachtete, ich spürte einen Blick, der sich wie die Krallen eines wilden Raubtieres in meinen Rücken einbohrte, einen Blick, der mich erzittern ließ. „So ein Blödsinn“, dachte ich, „einen Blick kann man nicht physisch spüren, das bildest Du Dir bloß ein“. Das sagte meine Vernunft, wieso zweifelte ich an ihr? Ich schaute im Fenster vor mir - und tatsächlich saß im Abteil hinter mir ein Mann und starrte mich unverhüllt, unverfroren an. Es war so, als ob er seine ganze Kraft in den brennenden Blick gelegt hatte, den er mir zuwarf. Ich stand wie gebannt da und konnte es immer noch nicht glauben ... Auf einmal ging die Tür des Abteils auf, zwei starke Hände packten mich an den Schultern, drehten mich um ... Der Unbekannte küßte mich so leidenschaftlich, daß der Kuß bis zu der entferntesten Stelle meines Körpers eindrang ...
Völlig wortlos. Ich war total verwirrt, mußte den Kuß, der so machtvoll war, einfach erwidern, leidenschaftliche Erregung hatte mich ergriffen ... Sein Fleisch wurde magnetisch von meinem angezogen, mit einer Art animalischer Sinnlichkeit forderten seine Hände mehr ...
Plötzlich hörte ich den verzweifelten Schrei meiner Vernunft: „Was machst Du da? Bist Du völlig verrückt geworden?!“ Wie aus einem Traum erwachte ich ... die groteske Situation, in der ich mich befand, wurde mir in diesem Augenblick klar ... Mein leises, aber keine Zweifel lassende Flüstern „Bitte nicht!“ brachte auch ihn aus dem Trance ...
„Verzeihung“, hörte ich, „ich kann mir nicht erklären, wie dies passieren konnte“... Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis er aussteigen mußte ... er wollte mich wiedersehen ... ich war jedoch zu feige - ich hatte angst von der alles verzerrende feurige Leidenschaft, die sein ganzes Wesen ausstrahlte ...
Lange Jahre sind seitdem schon vergangen, aber jedesmal, wenn ich an diesem leidenschaftlichen wortlosen Kuß im menschenleeren Nachtzug denke, bekomme ich eine Gänsehaut ... ich kann ihn immer noch spüren - bis zu der entferntesten Stelle meines ganzen Körpers ...
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