Kolumne 23

von Matthias Kayser

Wer will denn reden?

Ein paar Gedanken über die unterstützende Wirkung der Verbalerotik.

Für viele Menschen ist ja schon die Kommunikation im Alltag eine schier unüberwindliche Hürde und oftmals ein Buch mit sieben Siegeln, dem – sobald man es aufschlägt – eine Flut von Missverständnissen entgegenspringt. So bleibt der ursprünglich beabsichtigte Wunsch nach Informationsaustausch auf rätselhafte Weise auf der Strecke.
Erst recht schwierig wird es, wenn es sich um das Thema Sex und Erotik handelt. Ich gehe mal davon aus, dass die meisten von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, beim Sex lachen können. Oder aber dem Partner bzw. der Partnerin wie selbstverständlich Ihre sexuellen Vorlieben und Abneigungen erzählen. Aber halt! Bei wie vielen anderen klappt dass allenfalls im Freundeskreis oder beim Weiber- beziehungsweise Männerstammtisch, und in der angeblich ja ach so vertrauten Intimität der nach außen hin so „wahnsinnig tollen“ dargestellten Partnerschaft herrscht Grabesstille!
Ich selbst habe es schon erlebt und höre es auch immer wieder von Freunden, dass gerade im Alkoven bedrückende und lähmende Sprachlosigkeit herrscht!
Dann wird der Sex nur allzu schnell zu einer „bierernsten“ Angelegenheit, demzufolge die anstrebte Lust und wohltuende Entspannung gnadenlos auf der Strecke bleibt.
Dabei ist es gerade beim „Dirty Talk“ auf spielerische Weise möglich, seine Wünsche und Fantasien zu äußern, denn das Schlüpfen in eine Rolle vermag dazu zu verhelfen, geheime Gedanken leichter zu äußern! Ganz abgesehen davon, dass es die Lust um ein Vielfaches steigern kann, sowohl beim „Erzählenden“ als auch beim „Zuhörer“!
Gerade Fantasien, die man in der Realität nicht ausleben möchte, lassen sich mit der Verbalerotik hervorragend ins Liebesspiel integrieren. Ein entscheidender Punkt ist jedoch, dass man sich vorher vergewissern sollte, dass – egal was man sagt oder erzählt – der ursprüngliche Respekt dem oder der Geliebten gegenüber nicht verloren wird.
Doch wenn das eingehalten wird, steht einer lustvoll-kreativen Intensivierung des Aktes nichts mehr im Weg! Wobei auch hier Abwechslung auf der Tagesordnung stehen sollte. Immer nur zart-romantisch oder dreckig-versaut törnt auf Dauer auch ab. Ich lasse mich entweder von meiner jeweiligen Stimmung leiten, um meiner Liebsten auch die Ohren „feucht“ werden zu lassen, oder aber wir sprechen vorher darüber, worauf sie Lust hat.

Ein wollüstig gestöhntes „Beweg dich, du geile Schlampe!“ von „IHM“ oder „Stoß richtig fest zu!“ von „IHR“ ist für das Lustempfinden wie Traubenzucker für die Muskeln.
Insbesondere wenn eine Machtkomponente in der Verbalerotik vorkommt, ist der Effekt sehr erstaunlich, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.Probieren Sie es mal aus, und befehlen Sie ihrer Partnerin oder ihrem Partner, das er gefälligst still halten soll, wenn er oder sie in Erwartung des nahenden Orgasmus die Bewegungen intensiviert. Treiben Sie dieses „Stop-and-go“-Spiel eine Weile fort, möglicherweise werden Sie vom „Finale“ überrascht sein ...

Ganz wichtig finde ich, dass gerade Frauen ihrem Partner mitteilen, was er tut, denn längst nicht jeder besitzt das Einfühlungsvermögen um zu erspüren, was und wie sie es mag. So lassen sich mit Sicherheit aus egoistischen „Sex-Legasthenikern“ gute Liebhaber machen. Das Gleiche gilt auch für Frauen (Ich erinnere mich mit Schrecken an ziemlich fürchterliche Manipulationen meines besten Stückes ...)

Übrigens ist es meiner Auffassung nach eine gänzlich andere Sache, wenn man Telefon- oder Chat-Sex macht. Beides fällt vielen leichter, wohl wegen des Schutzes der „Nichtsichtbarkeit“, gerade wenn man vor dem PC sitzt. Noch ein Tipp: gerade bei diesen Medien sollte man(n) nicht zu sehr aufschneiden, denn sollte es zu einem Treffen in der Realität kommen, konnte der Aufschlag in derselben aufgrund unerfüllter Erwartungen recht unangenehm werden!

Wie auch immer, der „Dirty talk“ ist für mich so etwas wie die Salatbeilage zu einem guten Essen! Mal gibt es sie, mal nicht, und wenn es sie gibt, dann in vielen Variationen – denn es gibt ja auch die unterschiedlichsten Salate!

Bis zum nächsten „Verbal-Cumshot“,

Ihr Matthias Kayser