Kolumne 21

von Matthias Kayser

Was die Esskultur verrät
Oder: Tütensuppen und Tiefkühlpizzas beim ersten Date?

Aus gegebenem Anlass widme ich mich diesmal dem wichtigen Thema Esskultur und Erotik. Unlängst telefonierte ich mit einer Freundin und sie erzählte mir von ihrem ersten Treffen mit einem potentiellen Lover. Ursprünglich wollte er sie zum Essen einladen. Als sie bei ihm eintraf – wohlgemerkt, ohne tagsüber viel gegessen zu haben – und fragte, wann sie denn los wollten und wohin es gehen würde, antwortete er: „Ach, ich bin so kaputt! Lass uns mal lieber zu Hause bleiben und Pizza essen.“
,Na gut’, dachte sie sich, ,Pizza ist ja auch was Feines!’, und Abstriche zu machen ist sowieso etwas, das ihr nicht allzu schwer fällt. Wir werden noch sehen, was sie in dem Fall davon haben sollte …
„Okay“, sagte sie. „Dann rufen wir mal den Pizza-Service an!“
Pizza-Service?“, entgegnete der Pseudo-Gourmet, „Ich hab´ noch ne Pizza im Eisfach.“
Daraufhin unterbrach ich die Freundin und fragte unheilvoll: „Und er hatte nur EINE Pizza da?“
Sie bestätigte meine Frage.
„Lass mich raten: die Pizza kam schließlich noch halb gefroren auf den Teller und hinterher hattet ihr schlechten Sex?“
Da lachte die Freundin laut auf und meinte: „Ja, stimmt! Woher wusstest du das?“
„Na ist doch logisch!“, antwortete ich, „Kennst du den Zusammenhang zwischen Essen und Sex nicht?“
Sie verneinte, und ich erklärte ihr daraufhin ausführlich was es damit auf sich hatte. Das man zum Beispiel schon allein aus der Art, wie jemand isst, auf seine Genussfähigkeit schließen kann.
Hat man beispielsweise einen Menschen vor sich, der gelangweilt und beiläufig sein Essen in sich hineinstopft, so kann man sich ziemlich sicher sein, dass der- oder diejenige auch beim Sex recht teilnahmslos sein dürfte.
Ich war mal einer Frau liiert, die die Angewohnheit hatte, ihre Brotscheibe nach dem Abbeißen nicht auf den Teller zurückzulegen, sondern sie achtlos „hinzuschmeißen“ – tut mir Leid, anders kann ich es nicht ausdrücken! Der freudlose Blick beim Essen kam noch hinzu und ihr Art zu kauen erinnerte doch sehr an ein Rindvieh. Wen wundert es da, dass sie auch im Bett so leidenschaftlich wie ein Kaugummi auf Asphalt daher kam?
Ganz anderes ist zu erwarten, wenn die Speise mit genüsslichem Bedacht zum Munde geführt wird und sich ein Ausdruck der Verzückung im Gesicht breit macht, sobald sich der Geschmack im Mund entfaltet hat. Begeisterte „Mmmh´s“ „Aaaah´s“ und „Ooh´s“ bestätigen die Genussfähigkeit, die auf dementsprechende Leidenschaft beim Liebesspiel schließen lassen können.
Auch an der Vielfalt der bevorzugten Speisen lässt sich einiges ablesen, wie abwechslungsreich oder phantasievoll der oder die Partnerin im Bett ist.
Dazu zählt auch die Art des Kochens: Stopfe ich irgendein Essen in die Mikrowelle, oder stehe ich stundenlang in der Küche, filetiere und mariniere Fleisch oder Fisch, schneide Gemüse klein, hacke Kräuter und/oder Nüsse, bereite alles in Ruhe und Sorgfalt vor, um anschließend mit dem eigentlichen Kochen zu beginnen, dann kann man mit Recht behaupten, das Essen wird zelebriert. Noch Fragen, wo die Parallelen zur Erotik sind?
So eine Köchin oder so ein Koch ist mit Sicherheit ein Garant für ein phantasievolles und einfühlsames Vorspiel, der oder dem auch nicht die Puste für ein berauschendes Finale ausgeht!

Also – achten Sie bei Ihren nächsten „ersten Date“ mal auf die Auswahl der Speisen und die Art des Verzehrs Ihres potentiellen Liebespartners. Es ist überaus aufschlussreich und lohnt sich in jedem Fall!

Ihr Matthias Kayser